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«Wie zwischen zwei Welten»

Interview: Daniel Bütler*

Roger Schaeli, wie sind Sie zum Klettern gekommen?
Klettern ist eine tief verankerte Faszination des Menschen. Das sieht man auf jedem Spielplatz, wo die Kinder auf alles Mögliche steigen. Als Kind kletterte ich zuoberst in die Baumkronen. Bis mich meine Mutter zurückgepfiffen hat. Später nahm mich mein Vater oft mit in die Berge. Ernsthaft zu klettern begann ich aber aus eigenem Antrieb.

Weshalb wurden Sie Profi?
Dieser Wunsch war in mir drin. Als ich in der Lehre als Zimmermann bei schönem Wetter in die Berge schaute, dachte ich: «Ach, eigentlich möchte ich jetzt klettern.» Mir wurde klar: Ich will das zu meinem Beruf machen.

Dies, obwohl Sie in Ihrer Jugend einen schweren Kletterunfall hatten.
Ja. Seit diesem Erlebnis fühle ich, dass Klettern ein Teil von mir ist. Der Unfall veränderte mich. Ich klettere seither viel vorsichtiger. Mir wurde bewusst, wie schnell das Leben vorbei sein kann. So gesehen war der Unfall eine Bereicherung.

Was macht den Reiz des Profibergsteigens aus?
Ich will alles aus meinen Fähigkeiten als Kletterer herausholen und so viele faszinierende Touren wie möglich machen. Dabei muss ich aber niemandem etwas beweisen – ausser mir selber.

Wie oft trainieren Sie?
An vier bis fünf Tagen pro Woche Klettern, jeweils zwei bis sieben Stunden. Hinzu kommt drei- bis viermal Konditionstraining, im Winter Lang-, im Sommer Berglauf.

Sie haben spektakuläre Expeditionen gemacht. Suchen Sie das bewusst?
Nein, das kommt einfach (lacht), ich muss mich dazu gar nicht motivieren. Wenn ich nicht am Berg bin, habe ich das Klettern stets im Kopf. Irgendein Projekt beschäftigt mich immer. So entstehen Ideen, Abmachungen, schliesslich Touren.

Alpin-Klettern ist Teamarbeit. Was ist speziell an der Berg-Kameradschaft?
Die Freundschaft zum Seilpartner ist für mich etwas vom Wichtigsten. Die Erlebnisse sind sehr intensiv, da entsteht eine besondere Beziehung. Für meine Seilpartner würde ich die Hand ins Feuer legen. Das sind extrem feine Leute. Diese Freundschaften sind etwas vom Grössten, das dir der Bergsport gibt.

Am Berg lernt man sich kennen, nicht?
Ja, der Berg zeigt dein wahres Gesicht. Wenn man ans Limit kommt, fallen die Masken weg, man muss sich outen. Ich empfinde das als ungemein wertvoll.

Sie haben mal gesagt «Wenn du Glück hast, duldet dich der Berg.» Was heisst das?
Du kannst in der warmen Stube eine Tour planen, und alles sieht einfach aus. Wenn du dann am Morgen in Dunkelheit und Kälte vor dem Berg stehst, zeigt er dir das wahre Gesicht. Es kann zu warm oder zu kalt sein, zu viel oder zu wenig Eis haben und so weiter. Dann musst du umkehren, was bei über 50 Prozent der begonnenen Touren der Fall ist. Bei den gelungenen Besteigungen habe ich das Gefühl, heute duldet mich der Berg.

Auf welche Zeichen achtet der Bergsteiger?
Erst mal auf Wetter, Wind und Verhältnisse. Zusätzlich habe ich gelernt, auf meine innere Stimme zu achten. Ich hatte mehrmals extrem Glück am Berg, wobei es schon vorher ungute Zeichen gegeben hatte. Zum Beispiel war der Motor des Autos nicht angesprungen. Das Ganze ist wohl zu komplex für ein Gehirn. Doch es ist extrem wichtig, auf die Intuition zu achten.

Wie gehen Sie mit den Risiken um?
Ich hatte auch schon Sinnkrisen, da ich natürlich Leute kannte, die beim Bergsteigen ums Leben kamen. Solange mir das Klettern aber mehr zurückgibt, als es nimmt, lohnt es sich. Und es gibt mir extrem viel.

Am Berg hat Angst aber keinen Platz, oder?
Nein, man muss mit Freude dabei sein. Wenn du Angst hast, musst du umkehren. Ich muss betonen: Ich habe extrem viel Spass beim Klettern. Wenn man auf dem Gipfel ankommt, ist die Freude riesig.

Was ist das für ein Gefühl, an Stellen vorbeizukommen, wo Leute gestorben sind?
Wenn man am Eiger im so genannten Todesbiwak übernachtet, wo Max Sedlmayr erfroren ist, denkt man natürlich an ihn. Aber man darf nicht zu fest an den verunfallten Kameraden hängen bleiben. Man ist in «ihrem Boot» und sagt sich gleichzeitig: Ich bin unterwegs und mache das Beste.

Was ist das Spezielle an der Eiger-Nordwand?
Sie ragt senkrecht aus der Kuhwiese heraus. Du kannst dort hinspazieren und stehst direkt vor der 1700 Meter hohen Steilwand. Das ist einmalig. Die Erstbegeherroute ist eine Meisterleistung. Und wenn du in der Wand am Klettern bist, ist das wie im Film. Du hörst die Leute von unten sprechen, bist zwischen zwei Welten, so fern und doch so nah.

Sie haben 2008 eine neue spektakuläre Route am Eiger eröffnet: die «Magic Mushroom».
Es gibt nah am Gipfel einen pilzartigen Felsblock, in dessen direkter Falllinie es keine Route gab. Dort konnte ich mit meinem Kollegen Christoph Hainz die neue Route eröffnen. Da der Fels überhängend ist, springen dort auch die Base Jumper ab.

Wie sind Sie auf diesen Namen gekommen?
Der Platz dort oben ist magisch, und der Fels sieht aus wie ein Pilz. Das Klettern hat natürlich eine gewisse Nähe zum Rausch. Ich selbst habe aber keine Erfahrung mit Magic Mushrooms (lacht).

Themenwechsel. Als Profialpinist sind Sie sehr viel unterwegs ...
... 250 Tage pro Jahr.

Hat ein Privatleben da noch Platz?
Der Preis ist hoch. Eine Beziehung zu führen ist natürlich etwas schwierig, da spreche ich aus Erfahrung. Ich kenne aber auch viele Beispiele, wo es funktioniert.

Es werden immer schwierigere Touren geklettert. Wo liegen die Grenzen?
Nirgends. Na gut, das stimmt nicht. Es gibt Grenzen, aber die Entwicklung geht weiter. Das ist wie beim 100-Meter-Lauf. Heute werden extrem schwierige Routen viel schneller wiederholt als früher. Das Material wird immer besser, die Leute sind immer besser trainiert.

Die Alpen sind Ihr Lieblingsgebirge. Warum?
Ich bin halt Patriot (lacht). In den Alpen findet man eine gute Infrastruktur. Gleichzeitig gibt es so viele hübsche Täler, Seen und abgeschiedene Winkel. Man kann sehr gut klettern, und das Wetter ist relativ beständig.

Für die Erstbesteigung des Arwa Spire (6193 m) wurden Sie für den «Goldenen Pickel» nominiert.
Das macht mich natürlich sehr stolz. Der Piolet d’Or ist die älteste und höchste Auszeichnung im Alpinsport.

Sie werden als Bergkünstler bezeichnet. Ist Klettern für Sie Sport oder Kunst?
Es ist eine Kombination aus Sport, Koordination und mentalen Fähigkeiten. Wenn du ans Limit gehst, musst du mit all deinen Mitteln beim Klettern sein. Es gibt nur den einen Moment, keine Angst, nur den nächsten Griff – nur Körper, Atmung, höchste Spannung. Das ist genial. Ein Gefühl, als könnte ich fliegen.

* Daniel Bütler ist Journalist und Chefredaktor bei der Adastra Medien GmbH in Zürich.

  • Hautnah

    Auch privat macht Roger Schaeli eine gute Figur: Er ist unkompliziert, fair, ausgeglichen, kocht gerne und mag «Dr. House».

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  • Modelathlet

    Roger Schaeli modelt für seinen Material-Sponsor Salewa – für Werbe-Kampagnen und Kataloge, im Studio und am Fels.

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